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Was ist Osteopathie? (Die Analyse eines Manualtherapeuten)

Autorenbild: Attila Baranyi
Attila Baranyi
27. Aug.
3 Min. Lesezeit

Meine Definition

Die Osteopathie ist eine Form der manuellen Therapie, die muskuloskelettale, viszerales, systemische und psychosomatische Beschwerden auf der Grundlage sogenannter „osteopathischer Theorien“ behandelt, welche meist nicht durch strenge wissenschaftliche Evidenz gestützt sind. Das Fundament dieser Theorien bilden neben Anatomie, Physiologie und Pathologie vor allem die subjektiven Beobachtungen und Erfahrungen von Therapeuten aus den letzten 150 Jahren.

Ich mache kein Geheimnis daraus: Ich werde kritisch sein. Es handelt sich um einen Berufsstand mit unbestreitbar vielen Vorzügen, dessen Vertreter sich jedoch kaum ernsthaft mit ihren eigenen Grenzen auseinandersetzen und externe Kritik meist ablehnen. Es gibt viele Therapeuten mit herausragenden manuellen Fertigkeiten, aber nur verschwindend wenige, die zugleich eine wissenschaftliche, forschende Denkweise mitbringen. Die wissenschaftliche Kritik an diesem Fachgebiet ist oft mehr als berechtigt – echte Selbstreflexion sucht man aufseiten der Osteopathen hingegen meist vergeblich. Mit diesem Muster möchte ich brechen.


Die obige Definition mag auf den ersten Blick fachlich fundiert und schlüssig wirken. In Wahrheit birgt sie jedoch einen enormen konzeptionellen Haken.


Osteopathische Theorien: Die Absurdität der theoretischen Grundlagen


Der trügerischste und zugleich instabilste Bereich des Berufsstandes ist der theoretische Hintergrund, auf dem die Techniken und Behandlungsprotokolle aufbauen. Blickt man hinter die Kulissen, offenbart sich die Absurdität einer zirkulären Logik: Eine Theorie oder Technik gilt genau deshalb als osteopathisch, weil sie von einem Osteopathen erfunden wurde – und ein Osteopath ist schlichtweg jemand, der eine osteopathische Ausbildung absolviert hat.


Dahinter steht in Wahrheit kein einheitliches wissenschaftliches Fundament, was zwei schwerwiegende Konsequenzen hat:


  • Widersprüchliche Schulen: Osteopathische Ausbildungen und Regulierungen unterscheiden sich von Land zu Land und von Institution zu Institution fundamental. Die am Markt agierenden Schulen erkennen die Abschlüsse oder Behandlungsphilosophien der jeweils anderen oft nicht einmal an.


  • Das Fehlen eines wissenschaftlichen Rahmens führt zu dem absurden Zustand, dass Therapeut A eine Theorie aufstellt, Kollege B eine diametral entgegengesetzte formuliert und beide legitim behaupten können, nach einer „osteopathischen Theorie“ zu behandeln. Da ein strenger, unabhängiger und evidenzbasierter Filter fehlt, kann niemand den anderen fachlich widerlegen oder zur Rechenschaft ziehen.


Ein solcher Ansatz wäre in der modernen Medizin undenkbar. Ein in Deutschland ausgebildeter Arzt kann nicht das genaue Gegenteil von dem behaupten, was ein Kollege aus der Schweiz vertritt, weil der wissenschaftliche Konsens und empirische Evidenz dem Berufsstand einen objektiven, stabilen Rahmen vorgeben. In der Osteopathie hingegen kann mangels objektiver Filter nahezu jede persönliche Eingebung zu einer „Theorie“ erhoben werden, sobald ein Therapeut sie ausspricht.


Der einzige gemeinsame Nenner dieser konkurrierenden Strömungen sind die 150 Jahre alten Prinzipien des Begründers Andrew Taylor Still. Zu ihrer Zeit waren sie revolutionär – heute jedoch betrachtet ein grosser Teil der Osteopathen sie nicht als zu überprüfende Hypothesen, sondern als unantastbare Dogmen. Leitsätze wie „Die Struktur bestimmt die Funktion“ oder „Das Gesetz der Arterie ist absolut“ sind in einer rein mechanischen Interpretation angesichts der modernen Neurobiologie und Schmerzwissenschaft schlichtweg überholt. Das dogmatische Festhalten daran hemmt die Weiterentwicklung des Berufsstandes und dessen Annäherung an die wissenschaftliche Medizin erheblich.


Hier gelangen wir zum grössten Paradoxon des Faches: Subjektive Erfahrung und manuelle Empirie können durchaus wirksame Behandlungen hervorbringen. Das Problem beginnt dort, wo aus diesen individuellen Beobachtungen ungeprüfte Allgemeintheorien konstruiert werden – unter völligem Verzicht auf objektive Kontrollmechanismen.


Die Illusion der falschen Theorien


Die kritisierten Theorien erzeugen ungeachtet dessen ein sehr bequemes Phänomen: Sie verleihen dem Therapeuten die Illusion von Kontrolle und Verständnis. Manuelle Arbeit fühlt sich wesentlich sicherer an, wenn man das, was man ertastet, in eine in sich geschlossene Geschichte einbetten kann.


Das fundamentale Paradoxon der Osteopathie ist nämlich genau das: Eine manuelle Technik kann wirken und dem Patienten helfen, selbst wenn der Therapeut ihren Wirkmechanismus mit einer völlig falschen Theorie begründet. Gute Griffe sind nicht wegen der Geschichten wirksam, die man um sie herum erfindet, sondern weil sie reale biologische, neurophysiologische und mechanische Prozesse im Körper anstossen. Prozesse, die wir mit den Werkzeugen der modernen Wissenschaft erforschen sollten – anstatt uns hinter 150 Jahre alten Dogmen zu verstecken.

 
 

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