top of page

Ein Name, hundert Gesichter. Warum Osteopathie nicht überall dasselbe bedeutet und was diese internationalen Unterschiede für Sie als Patient bedeuten? Was ist Osteopathie überhaupt?

  • Autorenbild: Attila Baranyi
    Attila Baranyi
  • 30. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Das ist eine ziemlich komplexe Frage, der man bei anderen Gesundheitsberufen nur selten begegnet. Definition, Zuständigkeit und Inhalt variieren von Land zu Land. Meiner Ansicht nach liegt der Hauptgrund für dieses Chaos darin, dass sich der Beruf seit seiner Entstehung vor 150 Jahren in zahlreiche verschiedene Richtungen verzweigt hat – ohne dass diese Strömungen auf eine solide, moderne wissenschaftliche Grundlage gestellt worden wären. Es wäre allein schon eine eigene Abhandlung wert, den Grund für diesen wissenschaftlichen Rückstand zu ergründen.


Die wissenschaftliche Lücke und der „Dialog der Tauben“


Kurz gesagt: In der Forschung gelten bis heute randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien (RCTs) als Goldstandard. Diese Methodik ist genial, um die Wirksamkeit eines neuen Medikaments zu testen, aber völlig ungeeignet, um manuelletherapeutische Interventionen objektiv zu messen. Aus dieser Messlücke ergab sich, dass im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Osteopathen ihre eigenen Theorien und Techniken schufen, während die Ansichten anderer Kollegen oft ignoriert, als überflüssig oder direkt als fachlicher Holzweg abgetan wurden.


Ein hervorragendes Beispiel hierfür sind die kraniale und die viszerale Osteopathie. Beide Bereiche sind voller brillanter, in der klinischen Praxis wunderbar funktionierender Techniken, während die dahinterstehenden Erklärungstheorien oft veraltet oder aus anatomischer Sicht schlichtweg falsch sind. Da die Wissenschaft diese Mechanismen bis heute nicht nach ihrem eigenen strengen Regelwerk verifizieren konnte, lehnt ein Teil der Fachwelt sie völlig ab. Genau deshalb werden diese Ansätze an vielen Universitäten und von vielen Therapeuten überhaupt nicht gelehrt oder angewendet.


Und um zu spüren, wie unsicher der Boden für die Erforschung dieses Gebiets ist: Bis heute hält sich die unangenehme Tatsache, dass es keine starken, unumstrittenen wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit spezifischer osteopathischer Techniken oder der sie untermauernden Theorien gibt.


Das Fehlen geeigneter Forschungsmodelle hat jedoch ein äußerst schädliches Phänomen im Berufsstand hervorgebracht: eine Art Dialog der Tauben, dessen Zeche am Ende immer der Patient zahlt.


Auf der einen Seite steht die strenge Schulmedizin, die oft predigt: „Was sich nicht durch herkömmliche Doppelblindstudien beweisen lässt, ist Scharlatanerie und reines Placebo.“ Sie ignorieren oft die klinische Realität, dass sich Menschen und maßgeschneiderte manuelle Handgriffe einfach nicht so blind und standardisieren lassen wie eine Aspirin. Ein Rückenschmerz ist niemals nur ein „Standard-Rückenschmerz“, sodass fließbandartige Forschungen hier unweigerlich versagen müssen.


Auf der anderen Seite steht ein beträchtlicher Teil der klassischen Manualtherapeuten, die sich oft verteidigen: „Ich spüre den Geweberhythmus mit meinen Händen, mein Patient ist gesundet, lassen Sie mich mit Statistiken und Studien in Ruhe.“ Sie wiederum sind taub für die berechtigte wissenschaftliche Kritik, dass die über hundert Jahre alten, oft ins Esoterische neigenden Theorien überholt sind und die subjektiven Intuitionen des Therapeuten im 21. Jahrhundert nicht mehr allein Bestand haben können.


Eine universitäre Ausbildung sollte eigentlich durch einen wissenschaftlichen Hintergrund von angemessener Qualität untermauert werden, der jedoch bis heute fehlt. Darüber hinaus ist diese Taubheit und Ablehnung auch innerhalb des Berufsstands präsent: Vertreter verschiedener osteopathischer Strömungen (zum Beispiel der strukturellen oder kranialen Linie) kapseln sich oft starr voneinander ab, anstatt ihr Wissen zu integrieren. Und um mit der nötigen Selbstkritik zu sprechen: Da mache ich selbst keine Ausnahme. Ich kann diese Distanz natürlich hervorragend begründen, aber das heißt noch lange nicht, dass ich recht habe. Mir sträubt sich zum Beispiel das Fell bei biodynamischen oder als elektromagnetisch bezeichneten Techniken und Behandlungen. Ich persönlich glaube nicht daran, aber ich habe bisher auch keine unumstrittenen Beweise für das Gegenteil gesehen, also liegt es im Bereich des Möglichen, dass ich am Ende unrecht habe.


Ein Beruf, drei verschiedene rechtliche Realitäten


Wenn ein Beruf wissenschaftlich so tief gespalten ist und der universelle, objektive Maßstab fehlt, ist es nicht überraschend, dass Gesetzgeber und staatliche Gesundheitssysteme nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Genau das ist der Grund, warum sich beim Überschreiten einer Landesgrenze die Bedeutung, die Befugnisse und die Qualität des Begriffs „Osteopathie“ drastisch verändern. Derzeit existieren weltweit drei völlig unterschiedliche Realitäten parallel:


  1. Eigenständiger, staatlich anerkannter Heilberuf (Primärversorger): In diesen Ländern ist der „Osteopath“ ein streng geschützter Titel. Die Regelungen der verschiedenen Länder weisen Unterschiede auf, aber das Grundprinzip ist dasselbe. Die Fachkräfte sind keine Ärzte, dürfen jedoch (in der Regel mit einem MSc-Universitätsabschluss) als unabhängige, primäre muskuloskeletale Versorger diagnostizieren und behandeln. Solche Länder sind: die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Dänemark, Finnland, Frankreich, Italien, Island, Portugal, Australien, Neuseeland.


  2. An einen medizinischen Abschluss gebundenes Modell: In diesen Ländern betrachtet das Gesetz die osteopathische Behandlung rein als ärztliche Heilbehandlung. Ohne Medizinstudium kann man kein unabhängiger Osteopath sein.

    • Vereinigte Staaten von Amerika: Der Osteopath (DO) ist ein vollwertiger, medikamentenverschreibender Arzt und Chirurg. Juristisch gibt es keinen Unterschied zwischen einem Chirurgen und einem DO.

    • Russland: Offizielle ärztliche Facharztprüfung aufbauend auf einer medizinischen Grundausbildung.

    • Österreich: Strenges ärztliches Monopol. Diagnostizieren und behandeln dürfen ausschließlich Ärzte; Physiotherapeuten dürfen die Handgriffe nur auf ärztliche Verordnung (delegiert) anwenden.


  3. Komplementärer, alternativer oder unregulierter Beruf („Grauzone“): In diesen Ländern ist der Beruf staatlich weder der Medizin oder Physiotherapie gleichgestellt noch überhaupt reguliert. Dies unterteile ich in drei weitere Gruppen:


  4. Der „totale Wilde Westen“ (z. B. Spanien, Ungarn, Schweden): Hier ist es tatsächlich wie in Kanada: Da das Gesetz den Beruf nicht kennt, gibt es nichts zur Rechenschaft zu ziehen. Der Masseur an der Ecke, der Esoterik-Guru und der Absolvent einer Londoner Universität (MSc) sitzen auf dem Papier und rechtlich im selben Boot. Der Patient ist völlig auf sich allein gestellt, der Staat schützt ihn nicht vor Scharlatanen.


  5. Der „durch Versicherungen regulierte“ Markt (z. B. Niederlande, Belgien, Kanada – OMP): Der Staat wäscht seine Hände in Unschuld, aber private Krankenversicherungen (die die Behandlungen bezahlen) stellen ein hartes Qualitätssicherungssystem auf. Hier kann der Hochstapler an seine Tür schreiben, dass er Osteopath ist, aber er wird in einem Monat verhungern, weil keine einzige Versicherung mit ihm einen Vertrag eingeht.


  6. Der „Heilpraktiker-Filter“ (Deutschland): Deutschland ist eine kleine Ausnahme. Obwohl das Osteopathie-Diplom dort staatlich nicht reguliert ist, kann ein Masseur nicht einfach anfangen zu praktizieren. Dem Gesetz nach dürfen nur Ärzte oder staatlich geprüfte Heilpraktiker diagnostizieren und behandeln. Das bedeutet, dass der Therapeut zumindest eine staatliche gesundheitsrechtliche Prüfung ablegen muss, bevor er jemanden berührt.


Offizielle Definitionen


Sehen wir uns jedoch an, wie sich die offiziellen Stellen selbst ausdrücken! Hier kehren wir zu dem zu Beginn des Artikels aufgeworfenen Problem zurück, dass das Fehlen eines allgemeinen wissenschaftlichen Konsenses gezwungenermaßen alle möglichen Interpretationen toleriert. Es genügt, sich die offiziellen Definitionen der führenden osteopathischen Verbände der Welt anzusehen. Man würde erwarten, dass daraus klar hervorgeht, was ein Osteopath eigentlich tut. Schauen wir mal!


Beginnen wir in der Schweiz mit dem Schweizerischen Osteopathie-Verband (FSO-SVO). Ihre offizielle Grunddefinition lautet: „Osteopathie ist eine ganzheitliche Therapie... Osteopathen konzentrieren sich auf den Patienten als Mensch und berücksichtigen persönliche, berufliche, soziale und psychologische Umstände.“ Klingend? Ja. Aussagekräftig? Überhaupt nicht. Wenn man die PR-Wörter herausnimmt, ließe sich diese Beschreibung im Grunde auf einen hochqualifizierten Physiotherapeuten, einen Psychologen oder sogar auf einen Wellness-Masseur anwenden. Kein einziges Wort verliert sich darüber, was physisch auf der Behandlungeliege geschieht.


Springen wir über den Ozean in die USA zur American Osteopathic Association (AOA). Hier klingt die Definition fast schon komisch anders. Ihrer Ansicht nach ist Osteopathie

„Der am schnellsten wachsende Gesundheitsberuf, der 11 % der US-Ärzte stellt... DOs (Osteopathische Ärzte) praktizieren in allen medizinischen Fachbereichen, einschließlich Chirurgie und Psychiatrie... sie beaufsichtigen die Versorgung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, des medizinischen NASA-Teams und von Olympiasportlern.“

Verstehen wir den Unterschied? Die amerikanische Definition ist ein reiner Lebenslauf für Ärzte. Sie beschreiben keine Therapiemethode, sondern ein Prestige. Sie sind Ärzte, die (wie am Ende des Textes bemerkt) nebenbei auch etwas vom Bewegungsapparat verstehen – als Alternative zu Medikamenten.


Schauen wir uns das Vereinigte Königreich und das System des General Osteopathic Council (GOsC) an, wo die Osteopathie ein streng regulierter Gesundheitsberuf ist. Sie verwerfen die Schweizer „ganzheitliche“ und die amerikanische „Chirurgen/NASA“-Linie völlig und geben eine nüchternere, klinische Definition: „Ein System zur Diagnose und Behandlung einer Vielzahl von gesundheitlichen Zuständen, das sich auf die Integration des muskuloskeletalen Systems und anderer Körpersysteme konzentriert.“ Diese Beschreibung ist jedoch so steril und funktionell, dass, wenn man das Wort „Osteopathie“ abdecken würde, sich jeder moderne Manualtherapeut oder Physiotherapeut darin wiedererkennen würde.


Werfen wir schließlich einen Blick auf Österreich. Dort habe ich die einzige wirklich umsichtige Zusammenfassung zu diesem Thema gefunden. Das Öffentliche Gesundheitsportal Österreichs liefert hervorragende Beschreibungen und listet die Probleme, die mit dem Beruf einhergehen, trefflich auf: die Definition des Berufs, das Fehlen wissenschaftlicher Beweise, kurze Beschreibungen der verschiedenen Fachbereiche und selbst die Ungewissheit bezüglich der Sicherheit einer Behandlung. Sie formulieren es folgendermaßen: „Osteopathie ist ein komplementärmedizinisches Behandlungskonzept und ein Überbegriff für viele verschiedene Behandlungstechniken.“ Danach geben sie keine eigene Erklärung zu diesem Satz ab, sondern zitieren den Verband der Osteopathen Deutschland und die WHO, wie diese die Techniken und das Behandlungskonzept beschreiben. Aus ihrer Zusammenfassung geht ebenfalls vollkommen hervor, dass es keinen internationalen Konsens über das Behandlungskonzept und die Techniken gibt.


Die Schlussfolgerung? Wer als Patient ahnungslos am PC sitzt, diese offiziellen Definitionen liest und sich anhand dessen vorstellen soll, was genau bei der Behandlung auf ihn zukommt, der hat es wahrlich schwer.


Was bedeutet das alles für Sie als Patient?


Zunächst einmal halten wir fest: Unter der Überschrift „osteopathische Behandlung“ können wir allerhand erleben, und mit großer Wahrscheinlichkeit erfahren wir bei einem Therapeuten etwas völlig anderes als beim anderen. Das Endergebnis ergibt sich nämlich aus der Kombination der absolvierten Schule und der Persönlichkeit des Therapeuten.


Sehr wichtig: Weder der Ausstellungsort des Diploms noch das Land, in dem der Therapeut praktiziert, sind ausschlaggebend. In mehreren staatlich schwach regulierten Ländern (wie Deutschland, Belgien oder den Niederlanden) existieren hervorragende Universitätsstudiengänge. Ein Osteopath mit Universitätsabschluss (MSc) wird sich dem Problem höchstwahrscheinlich auf eine wissenschaftliche, rationelle Art und Weise nähern, während ein sogenannter traditioneller Therapeut wohl eine wesentlich spirituellere Schiene in die Behandlung einfließen lässt. Ich selbst bin ein Anhänger der Wissenschaft: Ich mag Beweise, Messungen und Zahlen. Unabhängig davon kann beides gut oder eben auch katastrophal ausgehen.


Wir müssen offen sein, denn als Patient und Therapeut habe ich oft genug Dinge erlebt, die ich bis heute überhaupt oder nur teilweise erklären kann. Als ich beispielsweise noch als Masseur arbeitete und gerade meine erste osteopathische Ausbildung begann, gab es einen Fall, der sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Es gab einen Patienten, den ich nach bestem Wissen und Gewissen gemäß den in der teuren Osteopathieschule gelernten Methoden behandelte, was jedoch zu keinem Ergebnis führte. Später ging er zu einer „Hexe“ (so nannte er sie selbst) an einen völlig abgelegenen Ort. Er hatte keine Ahnung, was genau die Frau mit ihm gemacht hatte, aber seine Schmerzen waren nach einer einzigen Behandlung komplett verschwunden.

Diese Geschichte hat mich gelehrt, sehr vorsichtig und von einem hohen Ross herab über verschiedene „spirituelle“ Heiler zu urteilen. Ich habe nämlich gesehen, dass sie dem Patienten helfen konnte, während ich mit meinem durch großes Wissen polierten Ego versagte.


Genau deshalb ist die Persönlichkeit des Therapeuten mindestens ebenso wichtig wie das Papier an der Wand. Wie groß ist sein Ego? Ist er fähig zuzuhören und Ihnen wirklich Aufmerksamkeit zu schenken? Versteht er Sie? Kann er das Wesentliche aus Ihren Worten herausfiltern? Akzeptiert er Kritik und kann er Demut gegenüber der Krankheit und dem Patienten zeigen?


Denn die echte Heilung beruht oft auf dieser Demut und dem gegenseitigen Vertrauen, nicht auf pompösen Definitionen auf dem Praxisschild.


Die Antworten der offiziellen Organisationen auf die Frage „Wer ist ein Osteopath und warum?“ sind leider lückenhaft. Im Vorangegangenen habe ich dieses Chaos umrissen, in meinem nächsten Artikel werde ich dazu jedoch einen Leitfaden geben: Ich teile mit Ihnen, was die Osteopathie in meinem eigenen Ansatz ist, wer ein Osteopath ist und warum.

 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page